Presse regional am 21. März 2003

Der Prignitzer

Hoffnung und Glaube gegen den Krieg

Prignitz spricht mit einer Stimme für den Frieden

Wittenberge/Perleberg Gestern war der Tag X. Der Tag, an dem die ersten Bomben auf Bagdad fielen. Und es war der Tag der Friedenskämpfer. Sie entzündeten Kerzen, bastelten Friedenstauben und machten ihrem Ärger über diesen menschenverachtenden Krieg Luft.

Während die Bomber gestern Abend ihre tödliche Fracht auf Bagdad fallen ließen, setzten die Prignitzer dem Angriff die Macht der Worte, der Hoffnung und des Glaubens entgegen. Der "Prignitzer Appell" hatte zur Kundgebung vor das Kultur- und Festspielhaus Wittenberge gebeten. Sein Sprecher Hartmut Winkelmann verurteilte den Krieg, strafte Präsident Bush Lügen, der von einer sauberen Sache spreche: "Was ist sauber am Töten von Menschen", fragte Winkelmann.

Der Krieg muss auf der Stelle beendet werden, forderte Wittenberges Bürgermeister Klaus Petry und der zwölfjährige Michael Lippold sprach sein geschriebenes Gedicht ins Mikro: "Muss Krieg wirklich sein, gibt es keine andere Lösung?"

Dass es sie geben muss, machte Pfarrer Reinhard Worch deutlich. Er will seinen Mut, seinen Glauben behalten, "auch wenn wir zwischen der frostigen Kälte von Unfreundlichkeit und den lodernden Flammen des Krieges stehen".

Detlef Meier weiß, was Krieg bedeutet. Er musste ihn als Kind erleiden, verlor seine Eltern: "Mit Entsetzen und Trauer habe ich die Berichte verfolgt, glaubte bis zum Schluss an die Vernunft."

Vor der Kundgebung hatten Kinder der Jahngrundschule gebastelte Friedenstauben mit ihren Wünschen nach Frieden an eine gepflanzte Friedensbirke Am Stern gehängt und das Lied von der "Kleinen weißen Friedenstaube" angestimmt.

Bereits am Vormittag formierte sich nach der ersten Unterrichtsstunde ein spontaner Demonstrationszug mit Schülern der Sekundarstufe I des Gottfried-Arnold-Gymnasiums Perleberg durch die Stadt. Aus Gründen der Sicherheit, die Aktion war nicht mit der Schulleitung abgestimmt, wurde die Aktion abgebrochen.

Aber nach Schulschluss folgte eine eindrucksvolle Kundgebung im Hagen: Etwa 600 Schüler von Gymnasium, Gesamt- und Realschule und Lehrer waren gekommen, um ihre Haltung gegen den Irak-Krieg zu bekunden: "Soll Bagdad aussehen wie Dresden 1945? Kann man im Namen der Menschheit einen Krieg führen, wenn ein Großteil der Menschheit dagegen ist? Woher nimmt sich Herr Bush dieses Recht heraus?", lauteten einige der Aussagen und Fragen. Die Schüler untermauerten ihre Meinung durch Transparente gegen den Krieg und sangen abschließend Nenas Hit "99 Luftballons". Manfred Drössler / Hanno Taufenbach

 

Schwiegersohn in Kuwait

Renate Nagel: Unser Schwiegersohn Bassam Haddad arbeitet seit zwei Jahren in Kuwait. Er ist Bauleiter für ein großes Projekt einer Wasser- und Abwasseranlage.

Er findet den Krieg unmöglich, es gibt immer andere Möglichkeiten, um einen Konflikt zu lösen. Bassam hat aber keine Angst und will seine Arbeit in der kuwaitischen Wüste nicht unterbrechen, selbst jetzt nicht.

Unsere Tochter hat mit ihm telefoniert. Den ersten Angriff gestern früh hat er mitbekommen.

Stimmen

Die USA verfolgen seit 1945 die gleiche Strategie: Ob in Korea, Vietnam, Serbien oder Afghanistan: Immer rüsten sie ein Regime hoch und ihre fehlgeschlagene Politik läuft ihnen aus dem Ruder. Abgesehen von den vielen tausend Toten, die dieser Krieg bringen wird, wird es gravierende Veränderungen im Umgang zwischen Europa und den USA geben.

Die UNO an sich hat nicht versagt, die Frage ist doch: Wer hat die Macht, die UNO zu umgehen mit welchen Konsequenzen? Ich finde die politische Entwicklung sehr traurig und denke, dass niemand das Recht hat, einen Krieg anzuzetteln, denn es sterben immer Unschuldige.

Welche Rolle spielt das Völkerrecht noch? Die USA haben die Macht und die Möglichkeiten, sich über internationales Recht und auch die UNO hinwegzusetzen. Wer will sie dafür bestrafen oder an den Pranger stellen? Ich glaube, die UNO wird es weiterhin geben, aber als Interessenvertretung einer unterlegenen Minderheit.

38000 Unterschriften trägt der "Prignitzer Appell", der im Dezember 2002 von 38 Kommunalpolitikern aller Fraktionen des Prignitzer Kreistages aus der Taufe gehoben wurde.

Mehr als 2000 Kommunalpolitiker aller demokratischen Parteien aus allen Bundesländern haben bisher unterschrieben. Wir sind sehr beeindruckt. Die Kommunalpolitiker wollten ihre Stimme erheben und nicht nur Zaungäste der großen Politik sein.

Wir sind ein Rädchen in der internationalen Friedensbewegung, auch wenn wir wissen, dass wir den Krieg nicht verhindern konnten.

Wir haben es mit dieser Initiative geschafft, die Menschen zu mobilisieren. Wenn sich Bürger daran beteiligen, die weder einer Partei angehören noch einer anderen Organisation, sondern nur aus dem eigenen Antrieb heraus uns unterstützen, um etwas tun zu wollen, ist das schon ein großer Erfolg.

"Ich will keinen Krieg" hatte Cindy (9) auf ihre Friedenstaube geschrieben.

 

 

 

 

Märkische Allgemeine - Prignitz-Kurier

"... dann stirbt die Wahrheit"
Gegen Krieg: Schülerdemo in Perleberg / Kundgebung in Wittenberge


PRIGNITZ Ihre entschiedene Ablehnung eines Krieges gegen den Irak brachten gestern viele Menschen in der Prignitz zum Ausdruck. In Wittenberge gab es am Abend eine Kundgebung vor dem Konzert- und Festspielhaus. Bereits in den Mittagsstunden waren Perleberger Schüler auf die Straßen gezogen.

Die Zeit der Parolen sei vorbei, meinte der Wittenberger Pfarrer Reinhard Worch vor dem Konzert- und Festspielhaus. Betroffen äußerte er sich, dass offenbar nur noch die Sprache der Gewalt zähle, dass nicht mehr nach Gerechtigkeit gefragt werde. Das klägliche Scheitern der Friedensbemühungen sei erschreckend und mache sprachlos. Angesichts äußerer Gewalt dürfe man sich aber nicht innerlich beugen. Nur dann sei noch etwas zu erreichen.

"Haben Demos überhaupt noch einen Sinn?" fragte Hartmut Winkelmann, einer der Mitinitiatoren des Prignitzer Appells. Der globalen Gewalt müsse der globale Widerstand entgegen gesetzt werden. Dass führende Politiker bei ihrem Nein geblieben seien, habe sicher auch mit den vielen Demonstrationen zu tun. Er forderte die Bundesregierung auf, den USA keine Überflugrechte zu gewähren und auch die Nutzung von Militärstützpunkten in Deutschland für den Krieg zu untersagen. Wittenberges Bürgermeister Klaus Petry verurteilte ebenfalls den Krieg. Dieser werde nur noch mehr Unheil über das irakische Volk bringen, das unter Diktatur und Embargo ohnehin zu leiden habe. Es dürfe nicht sein, dass eine so genannte Supermacht das Völkerrecht außer Kraft setze. Petry befürchtete, dass mit der Einführung des Rechts des Stärkeren weltweit neue Konflikte ausgelöst werden.

"Mr. Bush, soll es nach dem Krieg sein wie in Dresden 1945?" Oder: "Wir sind tausende Kilometer weit weg und haben Angst - wieviele Ängste müssen die Menschen, die Mütter und Kinder durchstehen, die unmittelbar vom Krieg betroffen sind?" Fragen wie diese und Forderungen wie "Kein Blut für Öl" standen auf Plakaten der rund 600 Perleberger Mädchen und Jungen aus dem Gottfried-Arnold-Gymnasium, der Real- und der Gesamtschule, die sich gestern zum Protestzug durch die Stadt zusammen fanden. Die zwei Blöcke trafen aus verschiedenen Richtungen im Hagen ein und bildeten dort einen großen Friedenskreis. Martin Konrad, Nadja Schumacher, Manja Hartwich und Katharina Lewald formulierten die Wünsche und Bitten der jungen Leute. Darunter auch die bittere Aussage: "Wenn einer einen anderen in einen Krieg stürzt, dann stirbt die Wahrheit." Gemeinsam sangen die Schüler den Anti-Kriegs-Hit "99 Luftballons ..." Vorausgegangen war der Demonstration nach der ersten Schulstunde ein Friedenskreis im Haus II des Perleberger Gymnasiums in der Quitzower Straße. Daraus entstand die spontane Idee, in Richtung Stadt zu gehen und die anderen Schulen einzubeziehen. Diese wurden allerdings durch die Schulleitung davon abgehalten. Ein bisschen mulmig sei ihnen geworden, als auch die Polizei aufgetaucht sei, sagten die Schüler. Doch man wolle sie nicht erschrecken, hieß es, sondern sei gemeinsam mit der Schulleitung für die Sicherheit verantwortlich. Schulleiter Hartmut Schneider holte die Klassensprecher zu sich und kam mit ihnen überein, sich am Nachmittag im Hagen zu treffen. Bereits in den Unterrichtsstunden waren Plakate gemalt und Gespräche geführt worden.

Das Thema Irak-Krieg hat Saskia von Swiontek, Schülerin der elften Klasse des Perleberger Gymnasiums, so bewegt, dass sie in dieser Woche spontan beschloss, eine Podiumsveranstaltung dazu zu organisieren. Diese findet bereits am Dienstag, 25. März, um 14.30 Uhr in der Aula des Gymnasiums statt. Mit dabei sind der SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Bahr, Landrat Hans Lange (CDU), Perlebergs Bürgermeister Dietmar Zigan, der frühere Grüne Wilfried Treutler sowie ein Vertreter der PDS. hl/mb/atz

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